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17. April 2020 · In der Hauptstadt hat sich 30 Jahre nach der Wende eine rege Designszene etabliert. Wir haben elf Kreative in ihren Studios besucht.
Wie oft hatten ihn die Medien zum König der heimlichen deutschen Designhauptstadt München gekrönt. Zusammen mit Kollegen wie Stefan Diez, Clemens Weisshaar, Ayzit Bostan, Steffen Kehrle oder dem Duo Relvãokellermann (Ana Relvão und Gerhardt Kellermann) sollte er für ein „Münchner Designwunder“ stehen, das im dichten Netzwerk einer überschaubaren Stadt vermeintlich besonders gut gedieh.
„Das hat mich immer befremdet“, sagt Konstantin Grcic. „Man kannte sich natürlich, jeder hatte seinen Ort gefunden. Aber ich würde behaupten, das gibt es woanders auch.“ Zumal Grcic schon seit zehn Jahren privat in Berlin lebt. Das in der Designszene legendäre Studio im Münchner Bahnhofsviertel, wo es zum zweiten Frühstück Brezen gab, verlegte er vor zwei Jahren an die Spree. Der Abschied von München fiel ihm vor allem wegen seiner Mitarbeiter schwer. Das Büro war eine „gut geölte Maschine" – die er mit jahrelanger Pendelei am Laufen hielt. „Das war für alle Beteiligten zu anstrengend.“
Jetzt hat der Fünfundfünfzigjährige ein ganz neues, junges Team, eine Designerin und zwei Designer, dazu eine Büroleiterin. Sie sitzen in einer lichten Etage im Stadtteil Tiergarten, auf Grcics Bürostühlen Rookie für Vitra. Vor der einen Fensterfront die Arbeitsplätze, vor der anderen, mit einem durchsichtigen PVC-Vorhang abgetrennt, Küche und Werkstattecke. Dazwischen ein Besprechungstisch, umstellt von einem bunten Stuhl-Sammelsurium, eigenen Entwürfen für Artek, Flötotto oder Plank. Im Studio kann man Grcics Karriere anhand seiner Sitzmöbel-Projekte Revue passieren lassen. Er selbst sitzt an seinem Platz auf einer roten Holzbank, die vor einigen Jahren für Mattiazzi entstand. Gleich rechts neben der Eingangstür der neueste Wurf: drei ausladende Loungesessel mit schwarzen Rahmen aus Metallrohr, Citizen für Vitra. Eigentlich sollte der Sessel Ende April zur Mailänder Möbelmesse vorgestellt werden, doch der Salone musste wie so viele andere Großveranstaltungen abgesagt werden.
„Für Vitra ist das Thema Loungechair natürlich nicht unwichtig“, sagt der Produktdesigner in Anspielung auf die Sessel-Ikone von Charles und Ray Eames. „Citizen ist anders, er ist keine Konkurrenz.“ Tatsächlich geht ihm, ebenso wie manch anderem Grcic-Entwurf, die behagliche Gediegenheit ab, die etwa der EamesLounger ausstrahlt. Citizen wirkt weniger wohnlich, dafür beweglicher. Und diesen Eindruck löst er auch ein: Der gepolsterte Sitz ist lediglich mit drei Stahlseilen am Rahmen aufgehängt und macht sachte die Bewegungen des Sitzenden mit. „Der Name passt zu ihm“, sagt der Designer. „Es schwingt etwas von heute mit, es ist kein Blick in die Vergangenheit.“
In Berlin ist Konstantin Grcic gut angekommen, auch wenn die „geölte Maschine“ nicht sofort rund lief. „Als Designbüro braucht man eine gewisse Infrastruktur“, sagt er. Firmen, die Prototypen bauen oder ein Material liefern, eine Schreinerei, eine Schlosserei, eine Pulverlackiererei. In München sei diese Infrastruktur einfach dagewesen, das habe er nie hinterfragt. Doch in Berlin stellte sich heraus: „Die gibt es nicht selbstverständlich.“
So eröffnete der Umzug vor zwei Jahren unerwartet neue Möglichkeiten. „Wenn man Dinge neu etablieren muss, stößt man auch auf Dinge, die man gar nicht gesucht hat.“ Jasmin Jouhar
Sie hatte ein wunderschönes Studio in Rotterdam. Auch wenn die denkmalgeschützte Stadtvilla, die einst der Kaufmannsfamilie Brenninkmeijer (C&A) gehörte, zuletzt ziemlich heruntergekommen war. Hella Jongerius nahm sich des „Woonhuis Milders/Brenninkmeijer“ am Eendrachtsweg 67 dennoch an. Dafür musste sie keine Miete zahlen. Die Stadt Rotterdam hatte keinen Käufer für die Immobilie gefunden, eine Sanierung des Baus, der langsam im Untergrund versank, schien zu teuer. So hatten sich Risse gebildet, und einmal fiel sogar ein Teil der Stuckdecke herunter.
Das war aber nicht der Grund, warum die niederländische Designerin vor zwölf Jahren ihre Koffer packte und nach Berlin zog. „Es war alles so bequem geworden, so komfortabel“, sagt Hella Jongerius. „Ich musste einfach neu anfangen, um wieder kreativ sein zu können.“ Warum sie ausgerechnet nach Berlin gegangen ist? „Ich mag die Stadt.“ Berlin sei grün, sie könne mit dem Fahrrad zum Flughafen Tegel fahren, außerdem sei die deutsche Kultur der niederländischen sehr ähnlich. London, Paris, New York waren ihr damals auch zu teuer. Schon einmal hatte sie einer Stadt den Rücken gekehrt, weil sie ihr zu teuer geworden war: Eindhoven, wo sie an der Design-Akademie Industriedesign studiert hatte. Ihr derzeitiges Jongeriuslab, wie sie ihr Studio nennt, befindet sich in Berlin-Mitte. Eine bewusste Entscheidung: „Ich wollte in den Osten und nicht im alten Westen sein.“
Auch wenn Hella Jongerius Industriedesign studiert hat – zur Industrie hat sie ein gespaltenes Verhältnis. Billige und nur auf Masse hergestellte Produkte lehnt sie ab. Sie schätzt Handwerk, auch wenn es industriell hergestellt wird. Farben, Materialien, Oberflächen sind ihr wichtig. Besonders gerne arbeitet sie mit Textilien, eher selten entwirft sie Möbel, wenn, dann vor allem für Vitra. Als Vitra-Chef Rolf Fehlbaum sie vor 16 Jahren um ein Sofa als ihr erstes industriell hergestelltes Möbelstück bat, hielt sie ihn für verrückt. Ein Sofa? Wie spießig! Doch dann entwarf sie Polder mit seinen hölzernen Zierknöpfen. Es erinnert an das flache Land, das dem Meer abgerungen wird, und ist mit unterschiedlichen Stoffen bezogen.
Inzwischen ist Hella Jongerius die Art-Direktorin von Vitra, sie bestimmt über Farben und Materialien. Gerade erst hat sie ein weiteres Sofa vorgestellt – ein Meisterwerk der Webkunst, wie sie sagt. Sie findet es schrecklich, dass sich selbst in der Mode Wegwerfprodukte durchgesetzt haben. Altes Handwerk wie Weben geht dagegen verloren. Bei ihrem Sofa Vlinder dreht sich alles um den Überwurf, der so schwer ist, dass er sich fließend über Sitz, Rücken und Armlehne legt. Der Stoff mit acht verschiedenen Jacquardmustern ist reich an Motiven, Garnen und Farbnuancen. An Vlinder hat Hella Jongerius viele Jahre gearbeitet, fünf Sofas hat sie nach Polder entworfen und wieder verworfen. Denn was sie nicht wollte: einfach noch ein weiteres Sofa entwerfen. Auch wenn es womöglich ein Erfolgsprodukt geworden wäre. Peter-Philipp Schmitt
Der Name des Studios lässt sich leicht erklären: Yuue ist kein richtiges Wort, und es bedeutet auch nichts. Wichtiger aber für Weng Xinyu ist: Bei Google tauchte das Wort nicht auf, als er es eingab. Wer also nach Yuue sucht, landet sofort bei dem jungen Designer und seinem Studio. Seit 2015 ist Weng Xinyu in Berlin, er lebt und arbeitet in Prenzlauer Berg. „Vorher war hier ein Architekturbüro drin“, sagt Weng. Er teilt sich das Büro mit seiner Freundin Tao Haiyue. Die beiden haben an der Bauhaus-Universität in Weimar studiert, er Produktdesign, sie Kunst.
„Fast jeder, der in Weimar studiert hat, geht nach Berlin“, sagt Weng. Wie zum Beweis zählt er gleich mehrere junge Designer auf, die nach dem Studium in der Kleinstadt in die Großstadt gezogen sind: Laura Straßer, Vincent Cramer, Philipp Schöpfer, Daniel Klapsing. Die Designszene sei ziemlich verteilt in Berlin. Weng bedauert es, dass es in der deutschen Hauptstadt kaum Unterstützung für junge Designer gibt. Nicht einmal mehr das Design-Festival DMY, das zuletzt 2016 auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof stattfand und auch eine Plattform für den kreativen Designnachwuchs sein wollte.
Weng, der 1987 in Taizhou südlich von Schanghai zur Welt kam, hat sich schon früh für Deutschland interessiert. Von 2006 bis 2010 studierte er Germanistik in Peking. Nach seinem Bachelor bewarb er sich in Weimar, weil ihm – wie vielen anderen Chinesen auch – das Bauhaus ein Begriff war. Das Designstudium schloss er 2014 mit seinem zweiten Bachelor ab. In Berlin tat er sich dann mit Tao Haiyue zusammen, die mit Mín Berlin eine Agentur gegründet hat, die schöne Designobjekte aus Deutschland in China vermarktet, darunter natürlich auch die Entwürfe ihres Partners Weng. Der Dreiunddreißigjährige will, dass die Menschen mit seinen Werken interagieren. Und er will Emotionen wecken. Seine Deckenleuchte Oops! etwa sorgt für eine Schrecksekunde: Wer an der Schnur zieht, um sie anzuknipsen, der zieht zugleich die Lampe aus der Halterung. Zu Besuch bei Freunden wäre es ein peinlicher Moment, denn man würde glauben, das Designerstück kaputt gemacht zu haben. Genau das ist gewollt: Oops! leuchtet nur mit herausgezogener Lampe. Ein anderes Beispiel ist der Spiegel Pop-Up. Er hängt an der Wand und muss aufgeklappt werden, damit zwei bewegliche Spiegel sichtbar werden. Das heruntergeklappte Bord ist zugleich Abstellfläche.
„Oft sind es Kleinigkeiten, die mich inspirieren“, sagt Weng. Ein chinesisches Puzzle zum Beispiel, auch Lu-Ban Lock genannt. Bei dem 3-D-Geduldsspiel müssen kleine Holzblöcke so ineinander gesteckt und verzahnt werden, dass ein fest gefügtes Ganzes entsteht. Weng hat, basierend auf diesem Prinzip, einen Stuhl entwickelt, der ganz ohne Leim und Schrauben auskommt. Rückenlehne und Beine werden zusammengesteckt, die Sitzfläche wie ein Druckknopf zuletzt eingefügt. Den Prototypen des Stuhls Hashtag hat der Formholz-Spezialist Becker Brakel hergestellt. Ein Produzent fehlt aber noch. Andere Arbeiten werden schon in Serie produziert, auch seine Leuchte Oops! ist nicht nur online im Yuue-Shop zu haben, sondern auch über Mamamoon, eine Plattform, die sich auf „schrulliges“ Design spezialisiert hat. Peter-Philipp Schmitt
Das Bild an der Wand ist von seinem Nachbarn Alexander Wagner. Er ist nicht der einzige Künstler in dem Haus, in dem der Designer Mark Braun sein Studio hat. Im vierten Stock etwa hat der in Australien geborene Maler Cameron Rudd sein Atelier, im zweiten die aus Hamburg stammende Malerin Nanne Meyer. Gut 35 Kreative haben sich im Atelierhaus Mengerzeile in Alt-Treptow eingerichtet, das nur wenige Meter von der einstigen Berliner Mauer und dem Westbezirk Neukölln entfernt liegt. Der Bau, in dem früher eine Klavierfabrik und danach das bekannte DDR-Musiklabel Amiga untergebracht waren, wurde gerade kernsaniert. Davor gab es einen jahrelangen Kampf mit dem neuen Eigentümer, der die Künstler allesamt loswerden wollte, sich dann aber doch erweichen und das Haus für die alten Mieter neu herrichten ließ.
Mark Braun gehört auch dazu. Der Designer ist schon seit 2002 in dem Gebäude. Sein Studio befindet sich im dritten Stock, im ersten hat er zudem eine Werkstatt. „Ich bin happy, nach zwei Jahren wieder hier zu sein“, sagt Braun. So lange dauerte die Renovierung. Er muss zwar jetzt mehr Miete zahlen, doch er mag die Gegend und vor allem das kreative Umfeld. Braun, der im niedersächsischen Gehrden geboren wurde, ist durch seinen Vater halber Schwede. Nach Berlin kam er durch seine Schwester, die schon in der Hauptstadt lebte, als er ihr 1997 folgte und bei der Schreinerei Querholz eine Ausbildung zum Tischler begann. Danach studierte Braun Industriedesign in Potsdam, Eindhoven und Halle, bevor er sein eigenes Studio gründete.
Mark Braun ist einer der gefragtesten Berliner Designer. Und einer der vielseitigsten. So entwickelte er zuletzt eine Uhr für Nomos Glashütte, einen Flaschenkühler für die Gin-Marke Monkey 47, einen silbernen Füller für die Schwarzwälder Manufaktur Otto Hutt, ein Besteck für Mono, ein Rasierset für das sächsische Unternehmen Mühle sowie Trinkgläser samt Karaffe für J. & L. Lobmeyr in Wien. Dazu kommen immer wieder auch Möbel wie der gefaltete Stahlstuhl Hama, den der Vierundvierzigjährige für die junge deutsche Marke Echtstahl entworfen hat. Im vergangenen Jahr stellte er die Garderobe Piro, ebenfalls aus gebogenem Rohr und Stahlblech, sowie den Kleiderbügel Ivo vor. Für das Münsteraner Unternehmen Conmoto hat Braun unter anderem das Sofa Kimono und den stapelbaren Barhocker Nizza gestaltet, der aus Stahlrohr und luftigem Metall-Mesh besteht und für die Terrasse gedacht ist. Auch Berliner Marken zählen zu seinen Kunden: In Zusammenarbeit mit KPM, der Königlichen Porzellanmanufaktur, ist das Windlicht Planetarium aus feinstem Biskuitporzellan entstanden.
Braun wohnt mit seiner Frau, der Grafikerin Anna Sartorius, und den beiden Kindern in Kreuzberg. „Ich brauche zehn Minuten mit dem Fahrrad zur Arbeit.“ Wenn er nicht gerade im Saarland ist: Seit 2015 ist er Professor für Produktdesign an der Hochschule der Bildenden Künste Saar in Saarbrücken. Peter-Philipp Schmitt
Die einstige Brachfläche nördlich des Regierungsviertels galt lange als ein „Kulturstandort“. Künstler, Galerien und Clubs wie das „Tape“ hatten sich rund um die Heidestraße in Berlin-Mitte angesiedelt. Zu Mauerzeiten war hier Niemandsland, Anfang der nuller Jahre wurde dann der Hauptbahnhof gebaut. Seither entdecken Investoren das Gelände, das Europacity genannt wird. „Kultur gibt es hier bald nicht mehr“, sagt Werner Aisslinger, der seit 2008 an der Heidestraße sein Studio hat. Rundherum sind neue Quartiere entstanden, Hunderte Millionen Euro wurden schon verbaut. Ob das alte Gebäude und die Etage, in der sich Aisslingers Büro mit seinen 30 Angestellten befindet, die Umnutzung überstehen, wird sich zeigen.
Der vielgereiste Designer schätzt die Lage: In acht Minuten ist er zu Fuß am Hauptbahnhof, in einer Viertelstunde mit dem Taxi am Flughafen Tegel. Doch auch der wird ja gerade abgewickelt. Aisslinger ist ein Urgestein der Berliner Designszene. Er war schon in der Hauptstadt, als andere Designer noch einen großen Bogen um die angeblich so kreative Metropole machten, die wenig attraktiv schien, auch wegen ihrer Lage und Erreichbarkeit. Namhafte Architekten, etwa Hans Kollhoff und Josef Paul Kleihues, gab es in Berlin. Mode- und Produktdesignern aber fiel es schwer, in der Stadt Fuß zu fassen. „Berlin bestand aus vielen Biotopen, doch die werden immer weniger“, sagt Aisslinger, der 1964 in Nördlingen in Bayern geboren wurde. Mit Anfang 20 ging er zum Studium in die geteilte Stadt. Noch während er an der Hochschule der Künste war, arbeitete er für so namhafte Designer wie Jasper Morrison in London und Michele De Lucchi in Mailand. 1993 gründete er sein Studio Aisslinger in Berlin.
Nur zwei Jahre später entwickelte er den Stuhl Juli. Die Form für die Sitzschale seines Prototyps stellte er aus Gips selbst her, als Material wählte er Fiberglas, einen glasfaserverstärkten Kunststoff. „Damit bin ich nach Italien zu Giulio Cappellini gefahren“, erzählt Aisslinger. Über Cappellini kam eine Zusammenarbeit mit dem Autohersteller Lancia zustande. „Dadurch bot sich die Möglichkeit, das Fiberglas durch einen weichen Polyurethanschaum zu ersetzen, wie er sonst für Armaturenbretter verwendet wird.“ Die Sitzschale des Stuhls, der sich wie eine Blüte zu öffnen scheint, ist weich wie Leder und doch stabil. Juli kam 1996 auf den Markt und wurde 1998 in die Sammlung des Museum of Modern Art aufgenommen.
Aisslinger, der mehrere Jahre Professor an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe war, ist auch ein Mann für Inszenierungen. Nicht um der Inszenierung willen, seine Arbeiten weisen in die Zukunft. 2012 etwa ließ er während der Mailänder Möbelmesse einen Stuhl aus Bambus wachsen, die Form gab ein Stahlkorsett vor. Mit dem schnell wachsenden Rohstoff ließen sich ganze Opernhäuser bestuhlen, so Aisslinger. Auch die Idee seines 2003 entwickelten Loftcubes könnte nicht aktueller sein. Der Wohnwürfel, den es in vier Größen gibt, lässt sich mit Kran oder Hubschrauber selbst auf höchste Gebäude setzen. Alles Lebensnotwendige ist auf wenigen Quadratmetern enthalten. Und wer würde sich nicht gerne in einer Stadt, in der Wohnraum knapp wird, in seinem eigenen Penthouse auf einem Dach niederlassen? Peter-Philipp Schmitt
„Da sind wir sehr deutsch!“ Hanne Willmann muss lachen über die Erkenntnis, aber sie ist überzeugt: Was viele junge Berliner Designer eint, ist ihre „Straightness“, die Geradlinigkeit. „Unsere Entwürfe sind nicht so straight, dass es kalt wird. Aber das Urbane sieht man ihnen schon an. Sie sind nicht sonderlich soft, eher klar und präzise.“ Die Produkt- und Möbeldesignerin gehört seit 2015 selbst zur Berliner Szene, als sie nach dem Studium an der Universität der Künste Berlin und einer Zeit im Büro von Werner Aisslinger hier ihr eigenes Studio gründete.
„Leute von außen wollen einem immer erzählen, dass das Berliner Design so rough sei, so künstlerisch. Hier mal mit Bauschaum was aneinandergeklebt, da ein wenig Beton“, sagt Hanne Willmann. Aber dieses Bild stimme nicht. An wen sie denkt beim geradlinigen, urbanen Design aus Berlin? „An Designer wie Uli Budde, Mark Braun, Geckeler Michels, Objekte unserer Tage.“ In den vergangenen Jahren sei ein starkes Netzwerk in der Stadt gewachsen, man rufe sich an, helfe sich mit Tipps und Kontakten. „Es geht sehr kollegial zu. Wir begreifen uns nicht als Konkurrenz“, sagt die Zweiunddreißigjährige. „Das hätte ich von Berlin nicht unbedingt erwartet.“ Hanne Willmann hat ihr Studio in Prenzlauer Berg in einem kleinen Ladenlokal, das sie sich mit zwei Mitarbeiterinnen teilt. Viel Platz gibt es nicht zwischen den drei Schreibtischen, aber ein paar eigene Entwürfe hat die Designerin trotzdem um sich versammelt. Im Schaufenster steht ein Exemplar ihres Regals Tray Shelf für den dänischen Hersteller Woud. Darauf arrangiert sind kleinere Objekte wie ein Tablett für Schönbuch oder die in Mexiko getöpferten Keramiken La familia.
In diesem Jahr konnte Willmann schon eine ganze Reihe neuer Produkte vorstellen: etwa die Leuchte Flakes aus mundgeblasenem Glas für die Marke Favius, ein weiteres Bett für den Hersteller Schramm und Levi, eine Kombination aus Wandspiegel und Regal-Element für Interlübke. Das deutsche Unternehmen ist ohnehin einer ihrer wichtigsten Auftraggeber: Seit 2018 arbeitet sie als Kreativdirektorin für Interlübke, sie kümmert sich um Bildwelten, Lookbooks, Produktbriefing und die Auswahl neuer Gestalter. So eine Aufgabe ist ein Glücksfall für das junge Studio: „Das hat mir finanzielle Stabilität gegeben“, sagt Willmann. „Produkte zu gestalten zahlt sich wegen der Tantiemen meist erst nach einigen Jahren aus.“
So fährt sie also regelmäßig nach Ostwestfalen, wo viele deutsche Möbelhersteller ihren Sitz haben, nicht nur Interlübke, sondern auch Tecta. Der Bauhaus-Spezialist hat eine von ihr entworfene Vitrine im Programm. „Ostwestfalen ist genau die richtige Gegend für Produktion. Da ist es gutbürgerlich, da findet man zuverlässige Leute, die um sieben Uhr morgens anfangen.“ Für Kreative sei das allerdings nicht das Richtige, die lebten nun mal lieber in der Großstadt, wo sie erst um elf Uhr anfangen müssen und nach der Arbeit noch feiern gehen können. Gerade bei der Suche nach Mitarbeitern ist der Standort ein wichtiges Argument. Doch trotz der guten Bedingungen in Berlin: Hanne Willmann verspürt ab und an eine Sehnsucht nach dem Leben in der Provinz, nach Norddeutschland, wo sie aufgewachsen ist. „Irgendwann möchte ich zurück aufs Land.“ Jasmin Jouhar
Diese Farben! Neonorange. Quietschrot. Gelb. Ein paar Tupfer Blau und Grün. Katrin Greiling hat ihr Studio in einer Altbauwohnung in Prenzlauer Berg eingerichtet: Holzdielen, weiß gestrichene Wände, ein großer Arbeitstisch mit Korkplatte, Borde aus hellem Sperrholz. Das zurückhaltende Ambiente hat die Designerin und Innenarchitektin mit Objekten in Knallfarben aufgepeppt. Kühn, aber geschmackssicher. Ein Stapel Klebeband-rollen auf ihrem Pflanzenständer Longarm zeigt alle Komplementärkontraste. Ihr Raumtrenner Extra Hand leuchtet in ebenso sattem Rot wie die Pendelleuchte Drei, die über dem Arbeitstisch baumelt. Interessant zu sehen, wie stark die Farbkombinationen im Raum wirken – sie setzen Energie frei, als flirrte heiße Luft.
Greilings neuester Entwurf lebt auch von dieser Spannung: Die Taschenmarke PB0110 hat eine Totebag aus Seide mit vier abstrakten Motiven bedrucken lassen. Forschungen über die amerikanische MidCentury-Architektur hatten Greiling zu Collagen inspiriert, PB0110-Gründer Philipp Bree gefiel das freie Spiel der organischen Flächen so gut, dass er eine limitierte Kollektion auflegen ließ. Seit sieben Jahren wohnt die Designerin nun in Berlin, doch dass die geborene Münchnerin überhaupt jemals wieder in Deutschland leben würde, danach sah es lange nicht aus. Insgesamt 15 Jahre hatte die Zweiundvierzigjährige zuvor im Ausland verbracht. Zunächst in Schweden, wo sie nach einer Schreinerausbildung Möbeldesign und Innenarchitektur an der Stockholmer Konstfack studierte. Später ging sie für drei Jahre als Innenarchitektin nach Dubai. „Dort habe ich die Welt von einer ganz anderen Perspektive aus gesehen, nicht aus unserer westlichen“, erzählt sie. „Dort war ich Außenseiterin, dort konnte ich beobachten, ohne dass ich selbst beobachtet wurde.“
Die Entscheidung, nach Berlin zu ziehen, war auch von dieser Erfahrung beeinflusst, wie Greiling sagt: Sie suchte eine Stadt, die so groß ist, dass sie darin „unsichtbar“ sein könne. Doch die Hoffnung auf innere Distanz, auf die Erkenntnisse, die aus der Außenseiterinnen-Rolle entstehen, hat sich nicht erfüllt: „Obwohl ich 15 Jahre weg war aus Deutschland, ist mir hier offensichtlich vieles zu vertraut. Ich bin zu nah dran.“ Einstweilen hat sie sich aber gut eingerichtet: Wohnung und Studio liegen nur wenige Minuten Fußweg auseinander, was den Alltag mit ihrem acht Monate alten Sohn erleichtert.
Die Designprofessur an der Hochschule der Künste Saar hat sie vor seiner Geburt aufgegeben, sie wollte nicht pendeln. Bleiben noch die Reisen zu den Auftraggebern, etwa nach Ostwestfalen zum Möbelhersteller Tecta: Zum Bauhaus-Jubiläum im vergangenen Jahr hatte sie ein neues Farbkonzept für den Sessel-Klassiker F51 von Walter Gropius entwickelt. Aktuell arbeitet sie an einem neuen Stuhl für Tecta. Außerdem plant sie die Innenarchitektur für eine Wohnung in Prenzlauer Berg. Und dennoch: „Mein Partner ist Amerikaner. Wenn er eines Tages sagen würde: ‚Komm, wir gehen nach Texas‘, dann wäre ich sofort dabei.“ Jasmin Jouhar
Michael Hilgers ist Pendler. Er lebt in Berlin und arbeitet in Buckow. Die Stadt im brandenburgischen Landkreis Märkisch-Oderland ist eine gute Autostunde von Berlin entfernt. Doch ganz so einfach ist es nicht mit der Aufteilung Wohnung hier, Studio dort. Denn Hilgers, Jahrgang 1966, hat zudem auch einen mobilen Arbeitsplatz, in dem er wohnen kann. Er hat sich einen Fiat Ducato ausgebaut. In dem Kleintransporter, Kennzeichen MOL, hat er alles, was er zum Leben und Arbeiten braucht: Schreibtisch, Bett, kleine Küche. Selbst an Strom ist gedacht: Auf dem Autodach hat er Solarpaneele angebracht. Das reicht, um die Akkus von Laptop und Handy aufzuladen und sich einen Kaffee zu kochen. So ist er auf kleinstem Raum mit allem versorgt, was er in seinem Alltag benötigt. „Eine super schlanke Infrastruktur ist mir wichtig.“
Hilgers wurde zum Pendler, weil er sich die Mietpreise in Berlin schlichtweg nicht mehr leisten wollte. „Als ich vor 20 Jahren aus dem Bergischen Land nach Berlin kam, war die Hauptstadt noch schön preiswert.“ Das war für ihn ein guter Grund, um in die größte deutsche Metropole zu ziehen. Hilgers hat Architektur in Wuppertal studiert. Dem gelernten Tischler aber sind Architekturprojekte zu groß, zu komplex. „Möbel gehen schneller“, sagt er. „Das finde ich spannender.“ So richtete er sich im Anfang der nuller Jahre noch gar nicht so hippen Berliner Ortsteil Prenzlauer Berg ein Studio ein. Dort wäre er auch gerne geblieben, aber dann verdreifachte sich die Miete quasi von einem Tag auf den anderen. „Das sah ich nicht ein.“ Also zog er aus.
Die schöne Altbauwohnung in Kreuzberg direkt am Landwehrkanal blieb sein Lebensmittelpunkt. Dort leben auch noch seine Partnerin, die in Berlin arbeitet, und sein Sohn, der kurz vor dem Abitur steht. In Buckow in der Märkischen Schweiz schaffte er sich hingegen „einen Rückzugsort“. Hier wie dort hat er einen Schreibtisch stehen, „gespiegelt“, wie er sagt. „Wenn ich dran sitze, merke ich keinen Unterschied.“ Im Brandenburgischen habe er zudem noch „ein bisschen Werkstatt“. Michael Hilgers hat sich auf „small living“ spezialisiert. Der Slogan seines Studios mit dem Namen Iidee lautet: „Home Small Home“. Er kam eher zufällig zu dem Thema, weil er selbst einen platzsparenden Sekretär brauchte. Also entwickelte er Flatmate, der an der Wand steht und im geschlossenen Zustand nur zwölf Zentimeter tief ist, sich aber ausklappen lässt und zwei große Stauraum-Fächer hat.
Als er vor zehn Jahren den extrem flachen Sekretär auf der Kölner Möbelmesse vorstellte, interessierte sich kaum jemand dafür. „Erst als ich eine Ablage fürs Tablet einbaute, war der Flatmate plötzlich interessant.“ Inzwischen ist er für den Hersteller Müller Möbelwerkstätten mit Sitz in Bockhorn im Oldenburger Land sogar ein Verkaufsschlager geworden. Das hat auch viel mit den kleiner werdenden Wohnungen und dem Trend oder besser Zwang zum Homeoffice zu tun. Zu Flatmate haben sich mittlerweile einige weitere platzsparende Möbelstücke gesellt, darunter der neue Beistelltisch Swan, der wie ein Z geformt ist. Auch das Innere von Hilgers ausgebautem Kleintransporter könnte bald in Serie gehen. Der Designer tüftelt derzeit mit dem Fahrzeugeinrichter Walter Bösenberg an den Details. Peter-Philipp Schmitt
Ein typisches Berliner Manufakturgebäude in Mitte, zweiter Hinterhof, direkt an der Spree: Hier hat Produktdesigner Uli Budde sein Studio. Wobei der Raum genauso gut der Arbeitsplatz eines Handwerkers sein könnte. Der größere Teil der Fläche ist Werkstatt, ausgestattet mit Arbeitstischen, Maschinen, Werkzeugen. In den Lagerregalen stapeln sich Materialreste und Werkstücke. Auf der anderen Seite der gläsernen Trennwand, an den Fenstern zum Hof, stehen zwei Schreibtische mit Rechner. Die Gestaltung von Alltagsgegenständen ist eben auch in Zeiten von Entwurfs- und Visualisierungsprogrammen, von 3D-Drucker und CNC-Fräse ein handwerklicher Beruf, es werden Papiermodelle geklebt, Materialien getestet.
Budde schätzt genau das an seinem Beruf: die Verbindung von Kreativität und Konstruktion. „Mein Vater ist Maschinenbauer, mein älterer Bruder hat Kunst studiert“, erzählt der Zweiundvierzigjährige. „Bei mir hat sich beides gefunden.“ Budde zog 2009 nach Berlin, von Amsterdam aus, wo er fünf Jahre gelebt und mit Ivan Kasner das Studio Officeoriginair geführt hatte. Was ihn damals an der Stadt reizte? „Ich hatte das Gefühl, dass Berlin in Sachen Design ein unbeschriebenes Blatt war. Ich dachte, da gibt es Platz für mich.“ Er kannte die Stadt aus seiner Zeit als Produktdesignstudent an der Fachhochschule Potsdam, doch nach einem Auslandssemester an der Design-Akademie Eindhoven blieb er in den Niederlanden.
Während der Finanzkrise 2009, die auch in der Designbranche ihre Spuren hinterlassen hat, spürte er den Wunsch nach Veränderung, nach einem Neubeginn in Deutschland. Heute wohnt der Designer mit seiner Familie in Kreuzberg. Seine Frau, eine Niederländerin, arbeitet ebenfalls als Designerin, im Studio ihrer Landsmännin Hella Jongerius. Die Stadt sei längst kein unbeschriebenes Blatt mehr: Mittlerweile lebten viel mehr Designer hier, und die Qualität des Designs aus Berlin sei auch gestiegen. „Es gab eine starke Entwicklung in den vergangenen Jahren. Viele Gestalter denken jetzt über Berlin hinaus und orientieren sich international.“
Budde entwickelt gerade Gläser und Karaffen für Ichendorf Milano, einen Glashersteller aus der norditalienischen Designmetropole. Offset heißt das Programm, für das er zwei unterschiedlich große zylindrische Körper aufeinander-gesetzt hat. Wenn man die Gläser stapele, entstehe kein ordentlicher Turm, sondern „organisiertes Chaos“. Mit Kasner entwirft er auch Möbel für niederländische Hersteller wie De Vorm und Arco, zuletzt den stapelbaren Holzhocker Bow (Arco). Seit vergangenem Jahr unterrichtet er zudem als Gastprofessor an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle.
Die Entscheidung, nach Berlin zu ziehen, hat er nicht bereut. Zu einer richtigen Designstadt fehle zwar die Fertigung im industriellen Maßstab. „Aber es gibt ganz tolle Handwerker. Man muss sie nur finden“, sagt der Gestalter. „Manufakturen in Hinterhöfen, die Prototypen bauen können. Die vielen Makerlabs.“ Jasmin Jouhar
„Berlin“, sagt Marcus Keichel, „hat sich in den vergangenen 30 Jahren mehrfach neu erfunden. Wir hatten das Gefühl, einen aufregenderen Ort gibt es in ganz Europa nicht.“ Julia Läufer fügt hinzu: „Als wir nach Mitte kamen, lag alles brach. Es war spannend zu sehen, wie sich das über die Jahre veränderte.“ Läufer und Keichel sind ein Paar. Beruflich und privat. Im Jahr 2003 haben die beiden angefangen zusammenzuarbeiten. In Berlin sind sie aber schon viel länger: Der gebürtige Frankfurter Marcus Keichel kam 1988, die Freiburgerin Julia Läufer im Wendejahr 1989.
Beide haben an der Universität der Künste studiert, sie Modedesign, er Industriedesign und Architektur. Julia Läufer hat danach für Christian Dior in Paris gearbeitet und beim Film, Marcus Keichel als Illustrator. Mit Jens-Ole Kracht (K+K Design) gestaltete er das Logo des Berliner Energieversorgers Gasag AG, bevor er sich mit Julia Läufer zusammentat und zum Autorendesign kam.
Seit 2013 befindet sich ihr Studio nur wenige Schritte von der Gedenkstätte Berliner Mauer entfernt, dem zentralen Erinnerungsort der deutschen Teilung. Ihr Studio ist eng und verwinkelt, eine Treppe führt hinab zum Büro, wo auch ihr Mitarbeiter Ludwig Kaimer seinen Schreibtisch hat, und zu der kleinen Werkstatt. Mitten im Raum steht ihr neuer Prototyp, ein „Sessel mit hohem Gebrauchswert“, wie Marcus Keichel sagt. „Wir wollen zeigen, dass wir auch große und räumlich komplexe Körper können.“
Läufer & Keichel haben sich nach und nach dem Möbeldesign angenähert. Ihr erster Kunde war Martela in Finnland. Für ihn entstand die Soft-X-Familie, gepolsterte Stühle und Sofas auf einem metallenen Untergestell. Es folgte Wilkhahn in Bad Münder mit dem stapelbaren Konferenzstuhl Ceno. Ein stapelbares Leichtgewicht ist auch ihr Okito für die Marke Zeitraum, „ein Mehrzweckstuhl mit innovativem Aubf au“. Der 4,6 Kilogramm schwere Stuhl ist ganz in seine Einzelteile zerlegbar und für den Versand flach verpackbar. Herzstück ist der Sitz aus Massivholz, an dem Rückenlehne und Beinbügel mit wenigen Handgriffen befestigt werden. Nun arbeiten sie an dem voluminösen Sessel Dua, der ihre Familie aus Stühlen und Sesseln für den italienischen Hersteller Kristalia ergänzen wird. Bisher existiert nur ein selbst gebauter Prototyp aus Holz, der aber schon erahnen lässt, wie beweglich und bequem der Lounger einmal sein wird. Er wäre wahrscheinlich rechtzeitig zur Mailänder Möbelmesse Ende April fertig geworden. Doch der Salone wurde wegen der Corona-Pandemie für dieses Jahr abgesagt. Peter-Philipp Schmitt
Quelle: F.A.Z. Magazin
Szene in Berlin: In der Hauptstadt der Designer
In der Hauptstadt der Designer
In der Hauptstadt hat sich 30 Jahre nach der Wende eine rege Designszene etabliert. Wir haben elf Kreative in ihren Studios besucht.
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